Am 11.06. hat die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund eine Befragung seiner Mitgliedern zu Arbeitskultur vorgestellt. Die Ergebnisse der Untersuchung sind hinsichtlich der Erfahrungen mit Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen erschreckend.
„Sexuelle Übergriffe und missbräuchliche Machtausübung haben keinen Platz in unserer Gesellschaft, genauso wenig auch im Klinikalltag.
Die alarmierenden Schilderungen der Medizinstudentinnen auf dem letzten Ärztetag haben deshalb zurecht eine breite Debatte ausgelöst, die der Marburger Bund durch ihre heute vorgestellte Mitgliederbefragung aufgegriffen hat. Die Ergebnisse zeichnen ein erschreckendes Bild, das mich auch als Medizinstudent und selbst Mitglied im Marburger Bund sehr betroffen macht. Es ist ganz eindeutig, dass wir im Gesundheitssystem flachere Strukturen brauchen, die den Raum für Machtmissbrauch möglichst klein halten.
Wenn 57 Prozent der bundesweit befragten angestellten Ärzt*innen innerhalb der vergangenen zwölf Monate Erfahrungen mit Machtmissbrauch oder sexuellen Übergriffen gemacht haben, dann darf das nicht einfach nur eine Randnotiz bleiben. Denn auch die Kliniken in Schleswig-Holstein bilden dabei keine Ausnahme. Besonders betroffen sind Nachwuchskräfte und insbesondere junge Ärztinnen, die strukturell häufiger von Abhängigkeitsverhältnissen und Hierarchien betroffen sind.
Wenn mehr als jede*r 10. Ärzt*in sexuelle Übergriffe erlebt hat, spricht das für eine zutiefst problematische Arbeitskultur im Gesundheitswesen. Geschlechtsbezogene Diskriminierung, sexualisierte Kommentare oder unerwünschte Berührungen müssen geahndet werden und Täter dürfen nicht länger damit durchkommen.
Besonders besorgniserregend ist, dass nur rund ein Fünftel der Betroffenen Vorfälle meldet. Die Angst vor beruflichen Nachteilen, insbesondere in hierarchisch organisierten Klinikstrukturen und während der Weiterbildung, führt häufig dazu, dass Übergriffe und Machtmissbrauch im Verborgenen bleiben. Dabei zeigen die Erfahrungen der Betroffenen, dass Meldungen nicht selten bagatellisiert werden und Konsequenzen für Täter*innen oftmals ausbleiben.
Ich danke dem Marburger Bund für die Arbeit und den Mitgliedern für die wichtige Teilnahme an der Umfrage. Ich erwarte jetzt eine breite, ehrliche und lösungsorientierte Debatte mit allen Beteiligten im Gesundheitswesen, um diese Missstände aufzuarbeiten. Gerade die Studierenden und junge Ärzt*innen in Weiterbildung brauchen dabei eine starke Stimme, denn unser Gesundheitswesen muss ein gewaltfreier, toleranter und inklusiver Raum nicht nur für Patient*innen, sondern unbedingt auch für die Beschäftigten sein.
Dass von den mehr als 9.700 Befragten 61 Prozent innerhalb eines Jahres über einen Arbeitsplatzwechsel nachgedacht haben und jede zweite Person sogar erwogen hat, den Krankenhausbereich vollständig zu verlassen, ist ein alarmierendes Warnsignal für den Zustand der stationären Gesundheitsversorgung. Der Marburger Bund benennt daher zu Recht ein strukturelles Problem: Es handelt sich nicht um Einzelfälle, sondern um Strukturen, die Machtmissbrauch unzureichend verhindern und in Teilen sogar begünstigen.
Wenn mehr als jede*r 10. Ärzt*in sexuelle Übergriffe erlebt hat, spricht das für eine zutiefst problematische Arbeitskultur im Gesundheitswesen. Geschlechtsbezogene Diskriminierung, sexualisierte Kommentare oder unerwünschte Berührungen sind keine Kavaliersdelikte!
Besonders besorgniserregend ist, dass nur rund ein Fünftel der Betroffenen Vorfälle meldet. Die Angst vor beruflichen Nachteilen, insbesondere in hierarchisch organisierten Klinikstrukturen und während der Weiterbildung, führt häufig dazu, dass Übergriffe und Machtmissbrauch im Verborgenen bleiben. Dabei zeigen die Erfahrungen der Betroffenen, dass Meldungen nicht selten bagatellisiert werden und Konsequenzen für Täter*innen oftmals ausbleiben.
Die Folgen sind gravierend: Betroffene leiden unter psychischen und körperlichen Belastungen, erfahren Benachteiligungen in ihrer beruflichen Entwicklung und verlieren nicht selten das Vertrauen in ihren Arbeitsplatz. Machtmissbrauch kann dabei ganz unterschiedliche Formen annehmen – etwa wenn Weiterbildungsassistent*innen notwendige operative Eingriffe für ihren Leistungskatalog vorenthalten werden oder persönliche Lebensentscheidungen wie eine Schwangerschaft zu beruflichen Nachteilen führen.
Die Auswirkungen beschränken sich jedoch nicht auf die Betroffenen selbst. Wenn Ärztinnen und Ärzte aufgrund von Diskriminierung, sexuellen Übergriffen oder missbräuchlichen Machtstrukturen ihren Arbeitsplatz wechseln oder den Klinikbetrieb ganz verlassen wollen, verschärft dies den ohnehin bestehenden Fachkräftemangel. Gute Gesundheitsversorgung braucht motivierte, qualifizierte und langfristig im Beruf verbleibende Beschäftigte. Wer sichere und respektvolle Arbeitsbedingungen vernachlässigt, gefährdet deshalb nicht nur die Beschäftigten, sondern mittelbar auch die Qualität und Verlässlichkeit der medizinischen Versorgung.
Deshalb müssen aus den Ergebnissen der Befragung konkrete Konsequenzen folgen. Es braucht niedrigschwellige, unabhängige und wirksame Melde- und Beschwerdestrukturen, die Betroffene schützen und ihnen bei Bedarf auch rechtliche Beratung ermöglichen. Niemand darf befürchten müssen, dass eine Meldung negative Auswirkungen auf die eigene Weiterbildung, Karriere oder Beschäftigung hat.
Dabei stehen insbesondere die Klinikträger und die Ärztekammern in der Verantwortung. Leitbilder für einen respektvollen, diskriminierungsfreien und wertschätzenden Umgang dürfen nicht nur formuliert, sondern müssen im Arbeitsalltag konsequent umgesetzt werden. Verstöße müssen aufgearbeitet, sanktioniert und, wo strafrechtlich relevante Tatbestände vorliegen, auch verfolgt werden.
Die Befragung macht zudem deutlich, dass fachliche Exzellenz allein keine ausreichende Qualifikation für Führungsverantwortung ist. Wer Personal führt, muss nicht nur medizinisch kompetent sein, sondern auch Respekt, Fairness, Wertschätzung und Verantwortungsbewusstsein vorleben. Gute Führung ist eine eigenständige Qualifikation und muss stärker als bisher als Voraussetzung für Leitungsfunktionen verstanden werden.
Es ist gut und wichtig, dass die gesellschaftliche Sensibilisierung für Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe wächst und sich mehr Betroffene trauen, ihre Erfahrungen sichtbar zu machen. Unser Anspruch muss jedoch sein, solche Vorfälle gar nicht erst entstehen zu lassen. Betroffene ebenso wie Patient*innen haben ein Recht auf ein sicheres Umfeld, das von Professionalität, Respekt und gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist.“